Keine leichte Kost am Mittagstisch

Neulich hatte ich es mit zwei Kolleginnen in der Mittagspause über ein schwieriges Thema: den Tod. Ein bisschen harter Tobak, wenn man sich noch nebenher sein Essen reinstopft. Nur was ich interessant fand, ist die Tatsache, dass meine Kollegin Angst hat, sich mit dem Thema überhaupt auseinanderzusetzen. Den Aspekt kannte ich bis dato noch nicht.

Ich habe mich wirklich viel mit dem Tod beschäftigt. Das erste Mal mit 16 Jahren. Seitdem gibt es auch Gott für mich nicht mehr. Ich habe mich ausreichend mit Gottesglauben auseinandergesetzt und festgestellt, dass ich weder an’s Christentum, Jesus oder an Gott glaube. Und kommt mir bitte nicht mit blablablubb: ich bin sogar konfirmiert, habe Religion als Abifach gewählt, mich über die Jahre hinweg mit Philosophie beschäftigt und bis heute hat mich noch kein Blitz getroffen, weil ich nicht an Gott glaube. By the way muss ich mich auch nicht rechtfertigen. Jeder muss es für sich selbst wissen. Ich bin auch mit Menschen befreundet, die sonntags in die Kirche gehen. Das ist für mich völlig in Ordnung. Einzig alleine den buddhistischen Ansatz halte ich für realistisch und richtig. Albert Einstein sagte einst:

„Wenn es eine Religion gibt, die mit den Aussagen der modernen Wissenschaft konform gehen kann, dann ist es der Buddhismus.“

Darin stimme ich ihm zu. Aber um beim Thema zu bleiben: Natürlich haben wir über die Schwelle des Todes gesprochen, was nicht greifbar ist. Ich kann auch nachvollziehen, wenn Unwissenheit Angst macht und dass der Tod einem beängstigt, aber dass man Angst davor hat, sich mit dem Thema zu beschäftigen?

Meiner Ansicht nach ist es gerade wichtig, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Sich selbst ein Bild zu machen, mit dem man beruhigt schlafen gehen kann. Menschen lieben es doch zu grübeln, solange etwas nicht analysiert oder definiert ist. Ich habe zum Glück keine Angst, mich mit diesem Thema zu konfrontieren. Auch keine Angst vor dem Tod.  Wenn dies ungewöhnlich ist, ist es mir wurscht. Ich habe da meine Definition für mich gefunden und möchte ein Leben leben, auf das ich mit viel Liebe und einem Lächeln zurück blicken kann. Mir Fehler zu Gute halten mag wie auch gute Zeiten.

Das war nicht immer so. Ich habe auch Phasen gehabt, da habe ich ohne Rücksicht auf Verluste gefeiert und Tage verstreichen lassen, ohne sie bewußt zu leben. Es war oftmals alles wie selbstverständlich. Entweder man hat das Glück, selbst darauf zu kommen, dass alles eigentlich ein Geschenk ist oder man muss sich erst einmal seine ‚Hörner abstoßen‘, so wie ich. Und das eigentlich auf ziemlich heftige Weise.

Denn vor genau 4 Jahren starb der Mensch, den ich bis zu seinem Tod über alles geliebt habe. Wir kannten uns 10 Jahre, davon waren wir über 7 Jahre ein Paar. Ich wußte, dass dies einmal eintreten könnte, denn er hatte Epilespie. Und ich hatte es einmal geträumt, was sehr schlimm für mich damals war. Dennoch trifft einem so eine Nachricht wie ein Schlag…

Eines Tages rief mich sein Papa an. Noch bevor ich den grünen Button drückte, wußte schon, was kommt. Ich wußte es einfach und es machte mir es schwer, überhaupt abzunehmen. „Jenny, sitzt du?“ „Ja,“ log ich. Dabei stand ich fest auf dem Boden einer Wiese, die mir just in derselben Minute unter den Füßen weggezogen wurde. Über Jahre. „Timo ist gestorben!“

Der Satz hallte in meinem Kopf und als hätte ich meinen Kopf in Wolken gesteckt, befand ich mich im Zustand der Schwerelosigkeit. Mein Kopf in Watte gepackt, meines Verstandes beraubt, alles stand still. Ich war ruhig und doch hatte ich einen Puls von 180, der mir zum Hals rausschlug. Tick tack tick tack tick tack… Alles was danach war, habe ich nur vage in Erinnerung, denn dieser Moment hat sich so eingebrannt. Für Monate, Jahre…

Ich war ruhig und sachlich, bedankte mich noch für seinen Anruf, fragte danach, wie’s passiert ist. Obwohl ich wußte, was passiert ist. Ich möchte mich nicht in Details verlieren, weil es niemanden etwas angeht, aber soviel steht fest: er hat es selbst nicht mehr mitbekommen.

Ich begriff es erst, als ich es zum ersten Mal aussprach. Am Telefon. Ich rief meine Mutter an, die gleich aufschrie und weinte. Wie grotesk, eigentlich müßte ich weinen. Aber ich war ruhig und sachlich. Ich fand das alles unwirklich. Dann rief mein Bruder an, ob ich in Ordnung wäre. Ja, war alles in Ordnung. Nur war ich unterwegs in Kassel und er fragte mich, ob er mich holen soll. Er würde mich sofort holen. Mit dieser Frage war ich schon überforderrt. Nein, lass mich erst einmal hier. Was soll ich zu Hause?

Dann sah ich ein erstes entsetzes Gesicht. Mitleid vermischte sich mit Mitgefühl. Und dann weinte ich… Ich weinte den ganzen Tag, die ganze Nacht, die darauf folgenden Tage,  an der Beerdigung, die darauf folgenden Monate,  und immer wieder die darauf folgende Jahre…

Es ensteht ein Gefühl der Leere, die niemand aufzufüllen mag. Eine Trauer um den Verlust. Erinnerungen hallen wie ein Mahnmal im Kopf, manifestieren sich und halten einem nachts wach. Man grübelt und denkt über den Sinn nach, über die Wucht des Todes und den Schmerz der Hinterbliebenen. Man stellt sich vor, wie schlimm es erst einmal für die Eltern sein muss und schämt sich trotzdem, dass man ihnen nicht beistehen kann, weil man keine Kraft hat, das auszuhalten. Weil man selbst dieses Gefühl kaum auszuhalten vermag. Der Kopf platzt vor Traurigkeit, alles wird unwichtig, keiner kann helfen. Man ist gefangen in seinen Gefühlen und Erinnerungen.

Schlimm fand ich, wenn Leute auf mich zukamen und mir berichteten, wie sie trauern oder traurig sind. Es machte mich wütend. Ich fand es ungerecht, weil mein Schmerz immens groß war und ich nicht drüber erzählen vermochte. Aber kann man den Grad des Schmerzes toppen? Kann man wirklich sagen, „Ich leide mehr als du“?

Trauer legt sich wie ein grauer Schleier um einen, man wird blind für das Umfeld, Gegenwart und Gefühle. Auch wenn es für viele Menschen nicht nachvollziehbar ist, aber Meditation half mir, diesen Schleier bedingt abzulegen und eine klarere Sichtweise auf die Dinge zu bekommen. Ich hätte auch zu gerne die Sichtweise der Karma Kagyu Linie gelesen und warte sehnsüchtig auf den Erscheinungstermin des Buches: „Tod und Wiedergeburt“ von Lama Ole Nydahl. Aber es ist bis heute noch nicht erschienen.

Dennoch ist nichts mehr so, wie es einmal war. Ich zumindest habe mein Leben komplett entrümpeln müssen und bin immer noch nicht fertig damit. Ein Weg, den ich immer noch gehe. Aber es ist wirklich ein schöner Weg. Anfang August war sein Todestag, 4 Jahre ist das schon her und seitdem ist soviel passiert. Es ist alles ein Geschenk und die Traurigkeit weicht langsam zu Dankbarkeit.

Eines Tages fand ich diese Zen-Weisheit, die ich immer noch wunderschön finde und „so true“:

„Der Regen hat aufgehört, die Wolken haben sich verzogen,
das Wetter ist wieder klar.
Wenn dein Herz geläutert ist,
sind alle Dinge in deiner Welt geläutert.
Lass diese flüchtige Welt sein, lass dich Selbst sein.
Dann werden dich der Mond und die Blumen
auf dem großen Weg begleiten.“

„Wo es Schönheit gibt,
tritt auch Hässlichkeit hervor.
Wo es Rechtes gibt,
tritt auch Falsches hervor.
‚Weisheit‘ und ‚Ignoranz‘ bedingen sich,
Illusion und Erleuchtung sind nicht zu trennen.
Dies ist eine alte Wahrheit.
‚Ich will dies, ich will das‘ ist nichts als Torheit.
Ich sage Dir ein Geheimnis:
‚Alle Dinge sind vergänglich!'“

Zen-Meister und Poet Ryôkan (Japan, 18. Jh.)

Ich habe meiner Kollegin eine Liste von Büchern durchgegeben, die ich gerne zu dem Thema lesen würde. Eines davon gibt einem ein wirklich schönes Bild dafür, wenn man keine Vorstellungen hat: „In meinem Himmel“ von Alice Seebold. Ich hab Rotz und Wasser geheult und aus vollem Herzen, befreiend gelacht. Ein sehr emotionales Buch.

Aber auch Osho finde ich super zu lesen. Ein wenig spirituell, aber ich bin für alle Sichtweisen offen, die ein bestimmtes Thema beleuchten. Ja, Osho mag umstritten sein. Ja und? Man muss ja nicht alles glauben, sondern darf auch seine eigene Meinung bilden und durchaus auch etwas in Frage stellen. Deshalb liebe ich auch die Wissenschaft so: alles ist möglich 🙂

Und Osho hat viele Sichtwinkel zu diesem Thema beleuchtet und leitet seine Sichtweise verständlich her. I like it. Und er hat sich ganz schön Mühe gegeben und gleich mehrere Bücher zum Thema geschrieben. Wie man die Angst davor nimmt, was mit einem geschieht, über die Wiedergeburt, etc. Diese alle aufzulisten, wäre ein wenig mühselig. Guckt doch einfach mal bei Amazon 😉

Wißt ihr, was ganz arg toll ist? …

… das Leben!

Dazu eine kleine Phrase von Osho:

„Schau dich um: Kannst du eine Blume sehen, die wie ein Heiliger aussieht? Kannst du einen Regenbogen sehen, der fromm aussieht? Oder eine Wolke, einen Vogel, der singt, das Licht, das sich im Fluss spiegelt oder die Sterne? Die Welt feiert. Die Welt ist nicht traurig; die Welt ist ein Lied, ein wunderschönes Lied, ein nicht endender Tanz.“

Schön, oder? Für mich ist es wichtig, mich jeden Tag daran zu erinnern, wie wichtig dieses Leben für mich ist und warum ich das beste rausholen möchte. Freundschaften, die kräftezehrend statt erfüllend sind, sortiere ich aus. Unnötige Dinge, die meine kostbare Zeit verschwenden, mache ich einfach nicht (in diese Kategorie fällt z. B. TV gucken). Mit unhöflichen Menschen diskutiere ich nicht. Alle Dinge, die mir Zeit und Energie rauben und mir nichts Positives in mir zurückgeben, lasse ich sein. Dafür sät man Liebe und Lachen. Ich weiß, das klingt kitschig, aber wenn ihr einen besseren Ausdruck dafür habt, schreibt mir! 😉

Ja, ich finde, es lohnt sich jeden Tag aufzustehen und einen neuen Tag anzufangen. Es lohnt sich, den Tag so zu nehmen wie er kommt. Es lohnt sich, sich neu zu verlieben und sich auf eine neue Liebe einzulassen (ich hatte noch einmal großes Glück, einen tollen Menschen kennen zu lernen ;)). Es lohnt sich, den Job zu wechseln, wenn man unglücklich ist. Es lohnt sich verdammt noch mal jede kostbare Minute!

Alles ist ein Geschenk!

Alles ist möglich!

Life is beautiful!

P.S.: „Niemand, den man wirklich liebt, ist jemals tot.“ (Ernest Hemingway)

 

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