Aktuell hört man überall „Stresstest“, allen voran bei den deutschen Banken oder bei Stuttgart 21. Hab ich was verpasst? Und was ist das überhaupt?

Im Finanzwesen werden Stresstests vor allem zur ergänzenden Bewertung des Marktrisikos herangezogen und dienen zur Prüfung der Stabilität des Bankensektors. Offensichtlich gibt es ja 2011 hier endlich Erfreuliches zu berichten.

Tja, und zum Stresstest „Stuttgart 21“ fiel mir gestern ein Teaser der dpa in die Hände:

„Stuttgart 21: Die Deutsche Bahn und die Stuttgart 21-Gegner werden heute über das Ergebnis des S21-Stresstests informiert. Eine Computersimulation der Bahn soll nachweisen, dass ein unterirdischer Bahnhof zur Hauptverkehrszeit 30 Prozent leistungsfähiger ist als der bestehende Kopfbahnhof.“ (dpa)

Darauf setze ich meine Hoffnung, bloss: möchte ich in 10 Jahren (böse Stimmen munkeln in 20 Jahren), wenn der Bau beendet ist, immer noch Pendlerin sein?

Ich pendel 200km am Tag. 100km Richtung Stuttgart und zurück. Wenn man weiß, wie voll gestopft die A81, teilweise die A8 und dazu noch die B10 ist, dann fährt man gerne die Deutsche Bahn. Was heißt hier gerne? DB schont im Angesicht der aktuellen Spritpreisen auch wirklich den Geldbeutel. Doch die DB schont einem als Mensch nicht.

Manchmal empfinde ich das als Demütigung. Könnte plärren, toben und ‚dem DB-Mann‘ an den Kragen springen, der dort den Gürtel enger und enger schnallt. Er soll sich mal darein setzen und bei widrigsten Umständen Bahn fahren. Ja ja, die Bahn, die Bahn…

„Auf der schwäbischen Eisenbahne gibt’s gar viele Haltstatione,
Stuttgart, Ulm und Biberach, Mekkebeure und Durlesbach!
Rulla rulla rullala, rulla rulla rullala, (…)“

Ja, die Schwaben und ihr Eisenbähnle… Das hört sich gerade so an, als lieben die Schwaben ihr Bähnle. Ich tue es nicht. Ich bin aber auch keine Schwäbin. Und ich bin sogar dafür, dass man einen Stresstest für Bahnkunden in aktueller Situation durchführt! Und bitte nicht gemessen an dem, was in 20 Jahren besser sein wird!

Es fängt schon morgens mit der Parksituation am Bahnhof an. Natürlich kann die Bahn nichts dafür, aber sie könnte diesen Service für ihre Kunden/ Pendler verbessern. Aber Service und die Bahn scheinen sowieso zwei Paar Schuhe zu sein. Wenn man endlich geparkt hat, hält die Freude nur kurz, man muss Rennen. Rennen, um den IC noch zu erwischen. Was haben die IC’s in den 70er Jahren revolutioniert! Heute fährt man sie im historischen Originalzustand. Das erste, was mir als frischgebackene Pendlerin gleich auffiel, war die Farbe, die an den Wänden abblättert, die Warnhinweise, die nicht mehr lesbar sind und der Staub! Die Polster, die förmlich nach Vergilbung riechen und meine Nase gleich einmal -allergisch bedingt- gefährlich anschwellen ließ. Meine erste Bahnfahrt war also begleitet von einem unaufhörlichen Schnupfen. Ich nieste, was das Zeug hielt und musste mich wohl selbst im Laufe der Zeit dagegen immuminisieren.

Letztes Jahr im Sommer machte ich mich zum ersten Mal mit Dehydratation bekannt. Ich trinke sowieso grundsätzlich zu wenig, aber als das erste Mal das Thermometer die 30°C erklomm und ich ins Zugabteil Richtung Heimat einstieg, kam mir ein regelrechter Dunst entgegen. Eine warme Wolke, die keiner der Ausgestiegenen mitzunehmen vermochte. Na super! Kaum saß ich, floß mir der Schweiß in Strömen. Zugegeben, ich hasse Schwitzen. Ich hasse das Gefühl, wie mein Schweiß sich mit meiner Hautcreme vermischt und mit ihr verdunstet. Mein Haaransatz nass wird und jede Frisur in Minuten zerfällt oder die Klamotten anfangen, zu kleben und zu würgen. Aber ich tröstete mich damit, dass ich auf dem Weg nach Hause war. Daheim kann ich duschen und mich wieder frisch machen, ja, das versprach ich mir.

Ich war schon klatschnass geschwitzt, als der Zug vom Stuttgarter Bahnhof überhaupt abfuhr und dann merkte ich es: die Klimaanlage funktionierte gar nicht! Stattdessen kam ein warmer Föhn aus den staubbelegten Schlitzen. Und kein Fenster zum Öffnen! Ich saß da, klebte und atmete flach. Und ich hatte Durst. Wie ein rettender Engel erschien ein DB-Mitarbeiter mit einem Bauchladen voller kleinen Wasserflaschen. Er hielt mir eine vor die Nase: „Möchten Sie ein Wasser? Nur 2,- € die Flasche!“ Am liebsten hätte ich sie ihm um die Ohren geschlagen! Was ist denn das für ein Service? Voller Wut boykottierte ich diese Verkaufsstrategie und war einfach nur empört. So fuhr ich verschwitzt, dehydriert und wütend nach Hause. Tolles Gefühl! Das meine ich ironisch und seitdem nehme ich in den warmen Monaten immer noch zusätzlich ein kleines Wasserfläschen mit, da diese Erfahrung beileibe nicht die einzige war.

Ein guter Trick ist es, alte Waggons aufzusuchen. Zunächst einmal sitzt man dort nicht zusammengepfercht wie in einem Massenabteil, sondern man hat in einem 6er-Abteil massenhaft Platz dagegen und: man kann das Fenster öffnen! Ein warme Brise und ein geringer Luftaustausch ist einfach besser als gar nichts. Zumindest muss ich seitdem nicht mehr so oft Niesen. Seit ich nämlich Bahn fahre, ist meine Nase dauergereizt. Ach ja, dazu fällt mir mein kleines Wintermärchen ein: Im Winter ging oftmals die Heizung nicht. Und man mag es kaum glauben, aber in so einem Abteil kann es kälter sein als draußen im Freien. Ich bin wahrhaftig kein verfrorener Mensch, aber selbst ich habe irgendwann meinen Mantel ausgezogen, mich tiefer in den Sitz gedrückt und mir den Mantel wie eine Decke über mich ausgebreitet und meine Hände in die Taschen gestemmt. Und dann begann bei den Mitfahrern auch noch die Erkältungswelle und ich mittendrin!

Ich verfolge sogar im Winter ein bisschen mein Lauftraining, das härtet mich gegenüber Erkältungen ab und ich strotze e-i-g-e-n-t-l-i-c-h vor Energie. Aber wenn man von rechts und von links angehustet wird, die Luft 24 Stunden am Tag nicht ein einziges Mal ausgetauscht wird, dann hat man irgendwann gegen das ‚Verreckerle‘ keine Chance mehr. Ich war diesen Winter 3 Monate krank! Am Stück! Ich wurde und wurde einfach nicht mehr gesund. Jedesmal, wenn ich das Gefühl hatte, jetzt geht es wieder, klopfte wieder ein Infekt an. Es war wie verhext! Als es schon meine Lunge angriff (leichte Lungenentzündung) und ich mich mit Antibiotika herum schlagen musste, arbeitete ich von zu Hause aus. Das ist bedingt machbar, aber hundertmal besser als sich halbkrank ins Geschäft zu schleppen. Ich kaufte mir eine ordentliche Immunkur und schwuppdiwupp, die Bahn-Abstinenz kam mir sehr gut. Seitdem meide ich auch gerne, wie oben schon erwähnt, so genannte Massenabteils.

Und wenn das nicht schon genug wäre: manchmal sind die Züge -vor allem morgens- so voll, dass man stehen muss. Da werden Zugabteile einfach abgehängt und dicht an dicht steht man gedrängt im Flur. Also ich kann mich noch erinnern, dass uns früher der Schulbusfahrer aufgrund von Sicherheitsvorkehrungen rausgeworfen hat. Ist das der Bahn egal? Welche Last kann eine Achse tragen? Ich habe mir sagen lassen, dass die Achslast in den alten Waggons weitaus um das doppelte höher liegt als bei den aktuellen Waggons. Ein Grund mehr, den alten Dingern zu vertrauen. Eigentlich bieten sie nur Vorteile. Das ‚beste‘ aber am Ganzen ist: es sind keine Haltegriffe verfügbar. Man krallt sich sozusagen an Fensterrillen oder Türknaufe fest oder jongliert sich mit der flachen Hand an den Wänden aus. Das ist nicht lustig. Ich habe mir schon einige blaue Flecken geholt, weil das Bahnfahren nicht unbedingt eine ruhige Fahrt ist. Und ich rede von einer Fahrt im IC. Manchmal bollert der Zug richtig heftig und man wird auf einmal von rechts nach links geschleudert. Die Fahrgäste stoßen regelrecht zusammen. Und dem noch eins draufzusetzen: die Zugbegleiter kontrollieren trotzdem. Da steht man da, die Tasche mit den Fersenknöcheln am Boden  fixiert, am Fenster nicht unbedingt damenhaft festgekrallt und muss den Fahrschein irgendwoher herzaubern. Davon abgesehen, dass es auch nicht gerade fingernagelschonend ist… Und by the way: Anspruch auf einen Sitzplatz hat ein Fahrgast nicht. Selbst, wenn er regelmäßig 200,- € im Monat dafür hinblättert. Da frage ich mich, warum ersetzt man nicht wenigstens 2 der 3 leeren 1-er Klasse gegen 2-er Klasse Waggons, so dass alle sitzen können? Denn natürlich darf man sich dann nicht in die leere 1. Klasse setzen. Mein Argument, dass die Plätze doch eh nicht mehr verkauft werden, zählt auch nicht. So lauten die Bestimmungen.

Seitdem ziehe ich auch keine hochhackigen Schuhe mehr an. Denn mit denen kann man dann nicht mehr laufen, wenn man sich Zug mal die Beine in den Bauch stand. Ach ja, und Zeit muss man auch mitbringen… Viel Zeit, denn wer sagt denn, dass die Bahn pünktlich ist? Es kommt sogar öfters zu dermaßigen Ausfällen, dass sich eine Heimfahrt mal locker auf 3 Stunden ausdehnen kann… Und dann ist man echt bedient. Müde, hungrig, durstig und dann redet die DB mit Fokus auf Stuttgart 21 vom Stresstest? Stuttgart 21 hat ja noch nicht einmal richtig angefangen…! Ich werde mich auch hier hüten, dazu Stellung zu nehmen, aber das „normale Pendlerleben“ ist Stress genug. Keine Widerrede! Basta.

(Quelle: Ute Hamelmann, http://www.toonworks.de/?p=961)

1 comment on “Der Stresstest ist los…”

  1. Als Stuttgarterin habe ich so meine eigene Meinung zu S21. Eine deutliche, die ich aber zur Schonung so mancher Freundschaft und meinem Seelenheil nicht mehr ganz so laut kund tue. Aber nach diesem Artikel finde ich hast du dich erfolgreich als Stresstesterin für die Bahn (bundesweit) beworden. Herzlichen Glückwunsch 🙂

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